Um es gleich zu sagen: es war unser erstes Rollergespann, aber nicht unser erstes Gespann und sollte auch nie als "Außer-Stadt-Fahrzeug" eingesetzt werden. Was wir 1993 suchten, war ein kleines, leichtes, wenidiges Gespann mit einigem Wetterschutz und ausreichend Leistung für die Stadt. Das primäre Einsatzgebiet sollte die Arbeitsfahrten meiner Frau werden, die wegen Behinderung auf ein Fahrzeug, wegen Führerschein auf ein Motorrad und wieder wegen Behinderung auf ein "Nichtsolo" angewiesen ist.
Die damalige Auswahl an Rollergespannen war nicht sehr groß. Also wurde es eine Vespa Cosa mit 200 ccm, 12 PS und EBC (ABS fürs Vorderrad). Vorteile: sehr leicht, extrem wendig (Wendekreis ca. 2,5 m - das ist innerhalb einer Fahrspur!) mit Scheibe und Kniedecke brauchbarer Wetterschutz, für seine Größe erstaunlich guter Motor. Bis 70 km/h (das ist die maximal zulässige Geschwindigkeit hier in der Stadt) ausreichend im Anzug und selbst am Berg erreichbar. Darüber wird's zäh, viel mehr als 90 sind nicht machbar. Das absolute Highlight ist aber das EBC. Im Winter sorgte es stets dafür, daß das Gespann nicht über das blockierte Vorderrad schob, eine, zumindest für Allwetterfahrer, sehr wichtige Hilfe. Der Seitenwagen ist funktionell, der Platz für einen normalen Erwachsenen ausreichend. Der Zugang zum Kofferraum über die Rückenlehne ist nicht wirklich praktisch und leider auch nicht abschließbar. Das hatten wir zwar geänder, aber meist war da nur der Reservekanister und das Bordwerkzeug drin. Ein großer Koffer extra hinten auf dem Boot sorgte für leichter zugänglichen Stauraum. Die Einkäufe landeten aber meist einfach auf dem Sitz.
Als ziemlich wartungsintensiv erwies sich die Bootselektrik, die Kontakte korridierten ziemlich schnell und mußten regelmäßig entrostet werden. Die Federung ist nur für glatte Straßen gut. Holperstrecken bringen nicht nur den Passagier zum fluchen, auch der Fahrer hat seine Mühe, da dann zuviel Unruhe ins Fahrwerk kommt. Das Fahrwerk als ganzes ist dann auch nicht für wirklich mehr tauglich, als es der Motor schafft. Das gilt dann auch für die Bremsen. Mit leerem Boot schaffen es die beiden hydraulischen Trommelbremsen gerade so akzeptable Verzögerungswerte zu erreichen, aber man muß schon beherzt zutreten - was man dank EBC allerdings auch ohne Gefahr das Vorderrad zu blockieren tun kann. Die Handbremse ist völlig überflüssig und würde außerdem das EBC außer Funktion setzen. Wer eher mit beladenem Boot unterwegs ist, für den wäre eine Bootsbremse unerläßlich.
Da sind wir nun mitten in den Nachteilen. Als Fernreisefahrzeug ist diese Kombination schlicht ungeeignet. Eine Fahrt auf der BAB kommt kurz vor Harakiri, mit einem voll beladenen Gespann sind aber auch schon Landstraßenfahrten frustrierend. Das wahre Einsatzgebiet ist die Stadt. Und da ist es das wendigste Gespann was wir jemals hatten! Das Gespann wurde mehrere Jahre lang fast jeden Tag gefahren, leider entdeckten wir eine wichtige Schwachstelle viel zu spät - das Gespann war uns durch Winterfahrten und mangelnde Vorsorge leider im Karosseriebereich regelrecht zusammengerostet und wir brauchten Ersatz:

Nach einigem Hin und Her (zur Wahl standen Piaggio Hexagon 180 oder Suzuki AN250) bot uns unser (Piaggio und Suzuki) Händler einen kaum gelaufenen, gebrauchten AN400 an - das Angebot war zu verlockend um nein zu sagen.
Auf Grund unserer Erfahrungen, stand schon vorher fest, daß es diesmal ein "ordentliches" Boot sein sollte - vor allem auf eine gute Radführung haben wir geachtet. Dabei sollte das Boot möglichst leicht sein (da ja schon der Roller selber mehr auf die Waage brachte als das Vorgängergespann!) und auch einen von außen zugänglichen Kofferraum haben. Das Aussehen war eher zweitrangig.
Die Wahl fiel auf den Heigl Chip. Solide, ordentliches Fahrwerk, durch selbsttragende Karosserie sehr leicht und die Optik ist auch akzeptabel. Klar es gibt optisch ansprechendere Boote - aber an die Gefälligkeit einer Helix-Cobra Kombination kommt sowieso keiner mehr ran ;-) Auf eine Bootsbremse verzichteten wir, sollte doch das Boot wieder hauptsächlich als Stützrad funktionieren und die Bremsen des Burgman waren gleich mehrere Klassen besser als die der Cosa - wenn uns auch ein ABS (und sei es nur wie bei der Cosa auf dem Vorderrad) fehlte. Dafür wollten wir ein "Kinderüberrollbügel". Den hat uns der Fritz auch angebaut, und im Nachhinen stellte er sich als extrem nützlich herraus, war er doch in der richtigen Höhe damit sich meine Frau darauf abstützen konnte.
Die Kombination - ziemlich schwerer Roller mit extrem leichten Boot - war gewöhnungsbedürftig, aber da wir keine Gespannneulinge waren, hatten wir damit kein Problem. Das Fahrwerk war dann ebenfalls um Klassen besser als bei der Cosa und verkraftet locker Geschwindigkeiten über 100. Auf den BAB läuft das Gespann ohne Passagier über 120, dank dem sehr kleinen, niedrigen Boot - nur sollte man dann etwas Gewicht drin haben!
Der Motor erlaubt es nun auch genussvoll mal einen Ausflug auf der Landstraße zu unternehmen und auch auf die BAB kann man sich völlig Gefahrlos trauen - zwei Besuche beim EGT sind der Beweis dafür. Die Bremsen erweisen sich selbst mit Passagier als weitestgehend ausreichend. Aus Sicherheitsgründen wäre eine Bootsbremse aber zumindest denen zu empfehlen, die Gespannanfänger und/oder hauptsächlich mit Passagier unterwegs sind. Dann wäre allerdings auch ein anderer Seitenwagen zu empfehlen.
Der Chip ist zwar geräumig und bequem genug, aber der Windschutz ist praktisch nicht vorhanden. Selbst ein Kind sitzt voll im Wind, für längere Touren eher nicht zumutbar, vom fehlenden Regenschutz ganz abgesehen - es sei denn man nimmt es sehr sportlich. Abhilfe könnte eine höhere Scheibe bringen, aber dann ist die Optik zum Teufel, besser ist in dem Fall ein größeres Boot. Für mal kurz in der Stadt oder als Einkaufswagen ist der Chip aber gut geeignet und wenn man Fritz lieb fragt, baut er daraus bestimmt auch ein reines Lastenboot mit abschließbarem Deckel (stell ich mir sogar richtig schnuckelig vor)
Zwei Dinge vermissen wir im Vergleich zum Cosa-Gespann: die Wendigkeit (obwohl auch das Burgman Gespann recht wendig ist) und im Winter das ABS - die Kombibremse kann im Winter schon mal das Vorderrad blockieren lassen. Etwas gelindert haben wir diese Gefahr durch den Einsatz von Heidenau SnowMaster Reifen - die originalen Bridgestone sind für den Winter völlig untauglich.
Eine Befürchtung erwies sich glücklicher Weise als (fast) unbegründet: ursrünglich war ich sehr skeptisch, da es keinen Kickstarter mehr gibt und Automatik-Roller kann man auch nicht anschieben. Am Anfang gab es dann auch Probleme, was an der völlig desolaten Batterie lag. In der Zwischenzeit gibt es keine Probleme mehr, auch bei -20 °C springt der Roller an, trotz "Laternengarage", den vorsorglich eingebauten Anschluss für eine Zusatzbatterie haben wir im letzten Winter nicht gebraucht. Ansonsten ist das Gespann (natürlich) wesentlich besser als das Vorgängergespann.
Andy & Mary